Helgolands Börteboote – Das Ende einer Tradition?

31. Aug 2017 |

Helgolands Börteboote – Das Ende einer Tradition?

Im Frühjahr dieses Jahres sorgte insbesondere an der Nordseeküste eine Meldung für sehr viel Aufmerksamkeit: Von Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland hatte sich ein Delegation von Mitarbeitern des dortigen Anlandedienstes über das niedersächsische Freiburg an der Elbe und den Nord-Ostsee-Kanal auf den Weg in die Landeshauptstadt nach Kiel begeben. Bemerkenswert ist die Reisezeit, die immerhin 3 Tage dauerte und noch eindrucksvoller ist der Umstand, dass die Fahrt von Helgoland nach Kiel in drei der traditionellen Helgoländer Börteboote erfolgte: Die „Rasmus“, die „Claudia“ und das „Boot Nr.1“ – offene  Boote, gebaut aus massivem Eichenholz, etwa zehn Meter lang, drei Meter breit mit einem Tiefgang von ca. 1,10 Meter und einem Gewicht von gut acht Tonnen, die jeweils bis zu 50 Passagiere aufnehmen können.

 

Das Ein- und Ausbooten – ein Helgoländer Alleinstellungsmerkmal

Um nach Helgoland zu kommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man kann z.B. von Cuxhaven, von Heide/Büsum oder von Hamburg

mit dem Flugzeug anreisen oder mit Seebäderschiffen und Schnellfähren

die Hochseeinsel erreichen. Bei der Anreise mit einem Seebäderschiff gibt es dabei ein besonderes Erlebnis – das Ausbooten.

Das geschieht über die Ausstiegsluke am Schiff, die sich oberhalb der Wasserkante befindet. Es gibt also keinesfalls einen „Abstieg“ über eine Strickleiter, wie man das beim An- und Von-Bordgehen eines Lotsen vielleicht schon einmal im Fernsehen gesehen hat. Das Börteboot, besetzt mit mindestens vier erfahrenen Seeleuten, macht zum Ausbooten längsseits am Schiff fest. Zwei besonders kräftige Seeleute postieren sich direkt an der geöffneten Ausstiegsluke des Schiffes und hieven (heben)  jeden Gast an den Armen direkt und blitzschnell in das Börteboot. Dabei wird vorher darauf hingewiesen, die Arme einfach hängen zu lassen. Dank der Professionalität der Helgoländer Seeleute dauert das Ausbooten in eines dieser Boote weniger als fünf Minuten pro Börteboot.

Trotzdem kann man sich gut vorstellen, dass besonders ältere Menschen oder Familien mit Kindern, Kleinkindern, Kinderwagen und einer Anzahl von Gepäckstücken ein gewisses Unbehagen vor dem Umsteigen von einem großen Fahrgastschiff  in ein kleines Börteboot verspüren, ja sogar ängstlich sind.

 

Börteboote – Einzigartig und das sicherstes Verkehrsmittel in Deutschland

Diese Sorgen um die Sicherheit der Passagiere sind jedoch vollkommen unbegründet. Einmal werden die Boote von erfahrenen Kapitänen geführt, von denen einige sogar das Patent für die große Fahrt besitzen. Zum anderen sind die Boote voll hochseetauglich, was jährlich vom Germanischen Lloyd (TÜV) und der SeeBG überprüft wird – denn die Sicherheit der Gäste der Insel steht hier natürlich an oberster Stelle.

Und das Ausbooten ist hier nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal und

einzigartig an der Nordseeküste, die Börteboote haben auch eine lange Tradition, denn als Helgoland 1826 Seebad, gab es noch keinen Hafen und die Urlauber wurden von den kräftigen Männern „huckepack“ auf dem Rücken die letzten Meter durch das Wasser an Land getragen. Später wurden die Börteboote eingesetzt, von denen die Ersten bereits 1909 motorisiert wurden, weil die Bäderschiffe zu groß waren, um den Helgoländer Hafen anzulaufen.

Sie sind noch heute mit dem Namen der Insel verbunden wie die geschichtsträchtigen Bunkeranlagen, der einmalige Lummenfelsen und die Lange Anna, das Wahrzeichen von Helgoland. Das Bild der weißen Seebäderschiffe, die auf der Helgoländer Reede vor Anker gehen und von den dort liegenden Börtebooten bereits erwartet werden, hat sich im Laufe  der Jahre bei inzwischen Millionen von Gäste als ein Synonym für Helgoland eingeprägt.

 

Eine Helgoländer Traditionen sollten  gewahrt werden – aber…

…das ist manchmal gar nicht so einfach: Der  Helgoland-Tourismus schwächelt. Als 1971 noch 831 000 Menschen auf die Insel kamen waren Zweifel am Verkehr mit den Börtebooten so fern wie das Festland. Für den reibungslosen Transport Fahrgastschiff – Insel – Fahrgastschiff  waren damals 38 Börteboote im Einsatz.  Allerdings ging die Zahl der Gäste inzwischen auf rund 310 000 pro Jahr zurück. Für viele Besucher der Insel ist das Ausbooten ein Thema, wobei sich nach Gästebefragungen hier die Gegner und Befürworter  ungefähr die Waage halten. Aber inzwischen finden auch viele Helgoländer das Ausbooten nicht mehr zeitgemäß. Mit dem Werben um einen barrierefreien Zugang zur Insel sollen mehr Touristen angelockt werden. Dabei ist es nicht unerheblich, dass die Zahl der Gäste, die länger auf Helgoland bleiben, also mit mehr und größerem Gepäck anreisen, inzwischen im Verhältnis zu den Tagesgästen steigt. Und seine Koffer bei Wind und Wetter ins schwankende Boot zu hieven, ist eben nicht jedermanns Sache.

Bereits seit 2003 ist die Schnellfähre „Halunder Jet“ der Flensburger Reederei FRS auf der Strecke Hamburg – Wedel – Cuxhaven –

Helgoland unterwegs und kann wegen ihres geringen Tiefganges ohne Ausbooten direkt im Helgoländer Hafen anlegen. Und – von Cuxhaven aus kann man inzwischen beispielsweise das ganze Jahr über nach Helgoland fahren, wobei das neue Fahrgastschiff MS „Helgoland“ der Reederei Cassen Eils nicht mehr „traditionell“ ausgebootet wird, sondern ebenfalls direkt im Südhafen der Insel anlegt. So ist das Ein- und Aussteigen auch mit Kinderwagen und für Rollifahrer einfacher und komfortabler.

In diesem Zusammenhang prüft die Gemeindeverwaltung inzwischen  Pläne, bis 2020 die Kaianlagen zu erweitern, damit alle Fähren dort anlegen können. Und damit wäre das Ausbooten mit den traditionsreichen Börtebooten für Helgoland nur noch als ein touristisches Nischenangebot existent.

Natürlich sehen auch die Befürworter des Ein- und Ausbootens, dass diese  Tradition über Kurz oder Lang wahrscheinlich der  Wirtschaftlichkeit und den Erwartungen der Passagiere an eine möglichst bequeme und unterbrechungsfreie An- und Abreise weichen wird. Trotzdem sollten natürlich die Helgoländer Börteboote in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben und auch weiterhin sinnvoll eingesetzt werden. Neben der bereits heute  gelegentlichen Verwendung der Boote zum Hummer- und Knieperfang  sowie zum Angeln steht dabei natürlich eine weitere touristische Nutzung im Fokus des „Vereins zum Erhalt Helgoländer Börteboote e.V.“ Vorstellungen dazu existieren, so sind die Nutzung der Börteboote als Barkassen für Naturkundefahrten, für

Inselrundfahrten, als Ausflugsboote für frisch Verheiratete oder auch für den Einsatz bei Seebestattungen im Gespräch.

Und auch wenn Börteboote in naher Zukunft nicht mehr das Hauptverkehrsmittel für den Transport vom Seebäderschiff zur Insel sein werden, so soll doch das traditionelle Ausbooten weiterhin existent bleiben – als ein Erlebnis auf Wunsch. Seit 2015 besteht bereits die Möglichkeit, sich in der Sommersaison per Börteboot von den Seebäderschiffen direkt zur Nebeninsel Düne, dem heimlichen „Juwel“ der Insel, zum Baden übersetzen zu lassen.

 

Antrag zum Erhalt  der Helgoländer Tradition des Aus- und Einbootens

So war der Beweggrund für die Reise der Kapitäne von Helgoland nach Kiel, hier am 7. April einen entsprechenden Antrag an den damaligen Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und die ehemalige Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) zu übergeben. Ziel des Antrages: Erhalt der Tradition des Aus- und Einbootens der Helgolandbesucher als Alleinstellungsmerkmal von Deutschlands einziger Hochseeinsel. Dazu soll die Helgoländer Dampferbörte in das deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen und somit geschützt  werden.

Das Land Schleswig-Holstein kann, wie andere Bundesländer auch, der Kultusministerkonferenz bis zu vier Vorschläge für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes vorlegen, eine Bewerbung dazu ist vom 1. April bis zum 30. Oktober 2017 möglich.

Zum immateriellen Kulturerbe gehören dem UNESCO-Abkommen von 2003 zufolge „Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume – (…), die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen“.

Im bundesweiten Verzeichnis befinden sich derzeit 68 Kulturformen und vier Erhaltungsprogramme (Gute Praxis-Beispiele). Es soll von Jahr zu Jahr wachsen und langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen. Das Verzeichnis wird in einem mehrstufigen Verfahren von der Deutschen UNESCO-Kommission und verschiedenen deutschen staatlichen Akteuren erstellt. Es ist also kein UNESCO-Verzeichnis.

In das Verzeichnis wurden 2014  u.a. das Handwerk der Flößerei, also der Transport von Holz auf dem Wasserweg und die deutsche Brotkultur  aufgenommen, 2015 wurden z.B. die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas und das Schützenwesen in Deutschland eingetragen und im Aufnahmejahr 2016 kamen u.a. das Hebammenwesen, die Porzellanmalerei und der alte Volksbrauch des Tonnenabschlagens, der vornehmlich in Küstennähe von Mecklenburg und Vorpommern gepflegt wird, auf die Liste.

So gesehen stehen die Chancen auch für die Tradition des Aus- und Einbootens auf Helgoland, in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen zu werden,  gar nicht so schlecht.

Denn Fakt ist, wenn die Insel Helgoland das Ausbooten tatsächlich verlieren sollte, gehen der roten Insel in der Nordsee eines ihrer drei typischsten Merkmale verloren, was die  Börteboote neben der Zollfreiheit und der einzigartigen Vogelwelt sind.  Und – das Ausbooten mit den grün-rot-weißen Börtebooten ist europaweit einzigartig.

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