Walstrandungen an der Nordseeküste

17. Jan 2016 |

Walstrandungen an der Nordseeküste

Naturphänomen oder Umweltproblem ?

Die regionale und überregionale Presse hat ein paar neue Schlagzeilen, Natur- und Umweltschützer sind entsetzt und die vielen Urlauber und Touristen der Nordseeregionen können ein trauriges Schauspiel beobachten, das nun wirklich nicht alltäglich ist: Innerhalb von nur einer Woche wurden an der Nordseeküste von der niederländischen Wattenmeer-Insel Texel, bei Helgoland bis hin an die Wattenmeerküste bei Büsum in Schleswig-Holstein 10 gestrandete und tote Pottwale entdeckt. Diese Zahl der riesigen toter Meeressäuger hat sich inzwischen auf 12 Tiere erhöht: Sechs in den Niederlanden, zwei auf Wangerooge, einer vor Bremerhaven, zwei bei Helgoland und einer in der Nähe von Büsum.

Pottwale in der Nordsee – woher und wohin ?
Der Pottwal ist eine eigene Art innerhalb der Zahnwale und gilt als größter Vertreter dieser Ordnung. Verbreitet in allen Meeren und Ozeanen der Welt kann er sich mit einer Geschwindigkeiten von bis zu zwanzig Stundenkilometern fortbewegen. Der Pottwal ist nicht nur der größte Zahnwal, sondern auch das weltweit größte mit Zähnen ausgestattete Säugetier. Er erreicht Körperlängen von bis zu zwanzig Metern und ein Gewicht von bis zu 50 Tonnen, wobei die Männchen deutlich größer sind als die Weibchen. Die Männchen wandern bis in die Randmeere und Polargebiete, während die Weibchen und die Kälber den Großteil ihres Lebens in tropischen und subtropischen Gewässern verbringen.

Daher verwundert es nicht, zu erfahren, dass es sich bei den jetzt gestrandeten und verendeten Exemplaren vorwiegend um Jungbullen handelt, die noch nicht geschlechtsreif waren, sie waren etwa 12 bis 16 Meter lang und hatten ein Gewicht von jeweils gut zwölf Tonnen. Das Alter der Tiere konnte bisher noch nicht endgültig bestimmt werden, allerdings werden männlichen Tiere erst mit etwa 25 Jahren geschlechtsreif.Jeweils im Winter kommen die Pottwale auf der Suche nach Nahrung auf den Weg aus der Arktis in den Süden, wobei es nicht unüblich ist, dass sie dabei in Gruppen zusammen schwimmen, was die Zahl der jetzt gestrandeten Tiere erklärt. Gelegentlich sind sie daher auch an den europäischen Küsten anzutreffen, wo sie schon im Mittelmeer, in der Nordsee und der Ostsee sowie im Atlantik in der Nähe Portugals und der Azoren gesichtet wurden.

Die jetzt gestrandeten Tiere haben sich dabei auf ihrem Weg in südlichere Gewässer wohl verirrt. Irgendwann könnten sie falsch abgebogen und dabei in die Nordsee geraten sein. Da das Meer hier ist viel zu flach für die riesigen Säuger ist, versagt ihr Ortungssystem und sie finden nicht zurück in den Ozean. Schließlich überhitzen sie, verhungern oder sie stranden und verenden an der Küste.

Qualvoller Tod und schwierige Bergung
Im flachen Bereich der Küstengewässer zu stranden bedeutet für die Wale den Beginn eines qualvollen Todes: Der Auftrieb der Kolosse im Tiefwasser der Ozeane fehlt hier und das erhebliche Gewicht ihres Körpers drückt die Blutgefäße und die Lunge ab – woran die Tiere letztlich sterben.Das Eigengewicht der toten Wale sorgt auf den Strand und im flachen Wasser dafür, dass die inneren Organe praktisch zerquetscht werden.Dadurch beginnen der innere Zersetzungsprozess und die Auflösung der Organe sehr schnell, der mit einer zunehmenden Gasbildung im inneren einhergeht. Aus Gründen der Vorsicht müssen in die Kadaver zunächst vorsichtig Löcher geschnitten werden, um einer möglichen Explosion der Verwesungsgase vorzubeugen.

Nach der Bergung der Kadaver erfolgen die Zerlegung und der Abtransport. Die Entsorgungist aus Sicht des Umweltschutzes nicht ganz unproblematisch, weil Walkadaver wegen der starken Schwermetallbelastung praktisch Sondermüll sind. Es wird die endgültige Entsorgung in Form der Verbrennung erfolgen.Die Zerlegungerfolgt in enger Zusammenarbeit mit Veterinären, Technikern und Institutsmitarbeitern, die Gewebe- und Organproben entnehmen, weil es natürlich auch darum geht, eine mögliche Ursache für die Strandung der Wale zu finden. Außerdem sollen einige Tiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover untersucht werden.

Übrigens ist die Entsorgung der Kadaver mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden: Aus Niedersachsen wurde bekannt, dass für einen der auf Wangeroogegestrandeten WaleKosten in Höhe von rund 80. 000 Euro veranschlagt werden. Darin enthalten sind die Bergungskosten in Höhe von ca. 20. 000 Euro und Kosten für das Präparieren desTieres in Höhe von 60 000 Euro. Ein präpariertes Skelett soll an einen Natur- und Kulturverein auf der Nordseeinsel Amrum gehen, ein anderes soll eventuell von der Universität Gießenübernommen werden und das dritte Skelett soll im Meeresmuseum in Stralsund ausgestellt werden. Auch auf Wangerooge setzt man darauf, dasseiner der Wale als Skelett und Touristenattraktion auf die Insel zurückkommt.

Und zum Schluss: Die Frage nach dem WARUM
Sicher ist zunächst einmal, dass bei den ersten Untersuchungen der Walkadaver keine äußerlichen Auffälligkeiten festgestellt werden konnten. Und nun setzen in Ermangelung gesicherter Erkenntnisse über die Ursachen dieser tragischen Strandungen der Wale die üblichen Spekulationen ein – gut für Schlagzeilen, gut, um schnell einen „Gegner“ auszumachen und gut um eigene Positionen darzustellen. An erster Stelle der Ursachen stehen hierbei insbesondere bei den Umweltverbänden die Möglichkeiten der Desorientierung der Wale auf ihrer Wanderung durch Unterwasserlärm,hervorgerufen durch militärische Aktionen, durch seismischen Aktivitäten oder durch Offshore-Anlagen oder durch Forschungsschiffe mit Sonargeräten oder durch den zunehmenden Schiffsverkehr, durch Bohrinseln oder Eisbrecher – einfach durch alles, was im und auf dem Meer nicht Tier ist.

Eine weitere „wissenschaftlich fundierte Meinung“ läuft darauf hinaus, dass, wenn es auf der Sonne heftige Aktivitäten gibt, das Magnetfeld der Erde beeinflusst wird und dann möglicherweise auch der Orientierungssinn der Wale, die mit Magnetkristallen angereicherte Melone, im Kopf der Zahnwale negativ beeinflusst wird. Verstanden?
Seriösere Gesprächspartner räumen hier ein, dass die Ursachen für solche Strandungen auch an Krankheiten liegen können, denn Wale, die in Gruppen (Schulen) schwimmen, lassen sich von einem Leittier führen. Ist dieses Leittier schwach oder krank, kann es passieren, dass ihm seine Mitschwimmer ins seichte Wasser folgen – und dadurch stranden.

Seriöse Aussagen bestätigen auch, dass das Phänomen der Pottwal-Strandungen an der Nordseeküste bereits seit Jahrhunderten bekanntwar, dokumentiert sind diese seit dem 16. Jahrhundert. Im März 1996 wurden vor Dänemark 16 Tiere wurden angespült und mit den jetzigen Strandungen sind seit 1990 insgesamt 80 Pottwale an den Küsten Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande gefunden worden.

Und seriöse und vor allem optimistische Einschätzungen besagen auch, dass die Zunahme von Strandungen nicht bestätigt werden können und dass solche Tragödien, bei denen so viele Tiere auf einmal sterben, darin begründet sind, dass sich die Pottwal-Bestände erholt haben – weltweit gibt es heute wieder etwa eine Million Pottwale.

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