„Auf uns’rer Wiese gehet was“ – Das Storchendorf Bergenhusen

31. Mai 2016 |

„Auf uns’rer Wiese gehet was“ – Das Storchendorf Bergenhusen

Wenn man über den Frühling schreibt, über die die Zeit der erwachenden und wieder sprießenden Natur, dann verbindet man die Gedanken daran auch an die Vögel, die jetzt aus den wärmeren Regionen in unserer Heimat zurückkehren. Und einer dieser gefiederten Frühlingsboten ist zweifelsohne der Storch.

Zum Storch, und damit ist hier der in unseren Breiten überwiegend anzutreffende Weißstorch (Ciconiaciconia) gemeint, haben die Menschen schon über eine lange Zeit eine sehr positive Beziehung:Störche gehörten bereits im alten Volksglauben zusammen mit dem Schwein und dem Marienkäfer zu den Glücksbringern.

Außerdem war es besonders in den Dörfern eine echte Zierde, wenn sich ein Storchenpaar auf einem Dach, einem Schornstein oder auch auf einem Mast sein Nest baute und dieses auch oft in jedem Jahr wieder bezieht und darin den Nachwusch ausbrütet und aufzieht.

Früher brachten viele Bauern extra ein Wagenradals Nisthilfe auf das Dach ihres Hauses. Es war eine Einladung für den Weißstorch, hier sein Nest zubauen. Und der Storch machte sich auf den umliegenden Feldern als Mäusejäger nützlich. Und Mäuse braucht er reichlich, um seine Nachkommen aufzuziehen, half aber gleichzeitig dadurch den Bauern, die Ernte vor Verlust durch die Dezimierung der Mäuse zu schützen.

Um den Weißstorch rankt sich noch heute die Legende, dass er die Babys bringt, oder, eine ältere und heute weitestgehend vergessene Geschichte, dass er sich um alte Leute kümmert. In vielen Gegenden Europas wird nach der Geburt eines Kindes als deren Symbolisierung vor dem Haus eine Storchenfigur angebracht.

Storchenparadies zwischen Eider, Treene und Sorge
Wenn man mit den Störchen den alten Volksglauben verbindet, dass diese Glücksbringer sind und dem Hause, auf dem sie nisten, Glück beschieden ist, dann gehört die kleine, rund 750-Seelen Gemeinde Bergenhusenim Kreis Schleswig-Flensburg in Schleswig-Holstein
wohl zu den glücklichsten Orten.
Die überregionale Bekanntheit des Ortes resultiert aus der Tatsache, dass sich hier eine der größten Weißstorchkolonien Europas befindet, was dem Ort den Beinamen „Storchendorf“ eingebracht hat.

Was sich hier den Einwohnern und Gästen in der Zeit von März bis September bietet, ist wahrlich ein echtes Naturschauspiel:Etwa 20 Storchenpaare, die aus ihren ost- bis südafrikanischen Winterquartieren zurückkehren und dabei eine Entfernung von etwa 10.000 km zurückgelegt haben, lassen sich Jahr für Jahr in Bergenhusen nieder und ziehen hier ihre Jungen auf.

Nirgendwo anders in Schleswig-Holstein sind die Beobachtungsmöglichkeiten der Störche besser als hier:Von der Ankunft der Störche Ende März bis Anfang Mai, dem darauf folgenden oftmaligen Streit um die Nester, dem Klappern der Störche, wenn diese ihre Nester besetzen, die Paarung und das Brutgeschäft sowie das Schlüpfen der Jungstörche.Etwa ab Juni kann man sie beim Füttern der Jungvögel beobachten und zum Ende der Aufzucht etwa Ende Juli beeindrucken die ersten Flugversuche der jungen Störche, die mit einem erste den Sprung vom Nestrand beginnen.

Aber auch in der Umgebung des idyllischen Dorfes mit den zahlreichen reetgedeckten Häusern lassen sich mit etwas Glück die Störche beobachten: Wenn im Juni die Aufzucht der Küken beginnt, sind die Storcheneltern fast ständig zur Nahrungssuche unterwegs. In flachen Tümpeln und am Rande der Flüsse sind sie auf der Suche nach Fröschen und Ringelnattern und hinter den Traktoren der Bauern erbeuten sie Mäuse und Insekten.

„Storchen-Peepshow“ im NABU-Haus
Natürlich gibt es in und um Bergenhusen nicht nur die Störche zu bestaunen: Der NABU, der Naturschutzbund Deutschland e. V., hat in seinem reetgedeckten Haus eine Storchenausstellung eingerichtet, die mit aussagekräftigen und gut gestalteten Informationen per Fotos, Videos und Landschaftsmodellen eine sehr gute Ergänzung zu den eigenen Beobachtungen darstellt. Auskünfte gibt es hier sowohl über die Brutzeit, die Züge auf den verschiedenen Routen nach Afrika, über die Gefährdung und den Schutz der Störche. Und dazu gibt es eine „Storchen-Peepshow“, die es ermöglicht, mittels ferngesteuerter Kamera direkt im Nest dabei zu sein, um Brut- und Aufzucht hautnah zu erleben.
Wo sonst als im Storchendorf Bergenhusen ist auch das Michael-Otto-Institut im NABU als bundesweite Fachinstitution des NABU zum Thema Weißstorch ansässig und tätig. Hier werden Forschungsprojekte zum Weißstorchschutz durchgeführt. Hier wird das Verhalten der Störche dokumentiert, ihre Ankunft, der Abflug in Richtung Süden und die Zahl der jährlich aufgezogenen Jungstörche.

Außerdem koordiniert das NABU-Institut den alle zehn Jahre stattfindenden internationalen Weißstorchenzensus, an dem Experten aus Europa, Asien und Nordafrika teilnehmen und wertvolle Daten zur internationalen Bestandssituation des Weißstorchs zusammentragen.

Übrigens ging mir bei Schreiben der Zeilen das alte Kinderlied nach einer Volksweise und dem Text von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) „Auf uns’rer Wiese gehet was“ nicht aus dem Kopf…

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