Rebstöcke im Nordseewind – Weinanbau auf Sylt

15. Feb 2017 |

Rebstöcke im Nordseewind – Weinanbau auf Sylt

Um es  gleich vorweg zu sagen,  wer  den Weinanbau  im nördlichsten Anbaugebiet  Deutschlands mit dem Anblick der traditionellen Weinberge rund um die Flüsse  Rhein, Mosel, Ahr und Nahe oder auch Saale-Unstrut und in Sachsen verbindet,  der wird jetzt ziemlich enttäuscht sein: Auf  Sylt befinden sich nicht  nur die nördlichsten Rebflächen, hier ist auch das flachste  deutsche  Weinanbaugebiet.

Hier hat,  unterhalb von St. Severin  am Ortsrand der Gemeinde Keitum,  auf einem ca. 3000  Quadratmeter großen  Areal,  nur  rund 300 Meter von der  Nordsee entfernt, der  Rheingauer  Winzer  Christian Ress im Jahr 2009  insgesamt  1625  Rebstöcke  anpflanzen lassen.  Der nördlichste  „Weinberg“  Deutschlands  liegt hier in unmittelbarer Nähe des Wattenmeeres auf  nur 10 Metern über dem Meeresspiegel  in einer Senke und ist auf drei Seiten  durch  einen Bewuchs umgeben, der einen optimalen Windschutz  bietet.

Voraussetzung für die Anpflanzung  der Rebstöcke  hier oben, ganz im Norden,  war eine Neuordnung  der Pflanzungsrechte, die im Jahr  2009  sicherte, dass  sich auch Bundesländer  ohne eigene  Rebflächen  die Pflanzungsrechte von Weinbaugebieten  gewissermaßen  „abkaufen“ konnten. So  erhielt Schleswig-Holstein den Zuschlag  über  eine Fläche von insgesamt  etwa 10 Hektar, um hier  Schleswig-Holsteinischen Landwein zu produzieren.

Weinanbau mit Augenmaß, Geduld und viel Erfahrung

Vor dem  genüsslichen Schluck  eines  guten  Weines  hat  die Natur allerdings  sehr viel  Geduld  gesetzt: Nach der Pflanzung  trägt  eine Rebe  üblicherweise  erst in ihrem  3. Standjahr. So  hatten  sich hier auch  tatsächlich  2012  die  ersten Trauben gebildet, die  allerdings auch  den  Fasanen sehr  gut  schmeckten, was  dann erst einmal  nicht unbedingt  zu umwerfenden Erträgen geführt  hat.

Die  Anbaufläche  wurde  daher umzäunt  und die Traubenzone  durch Netze vor den Fasanen  geschützt. Die Erträge der Weinlese  2013 wurden als gut,  aber nicht  als  sehr  gut bezeichnet: Der lange Winter 2012/2013  hatte zu einem erst  spät  einsetzenden Wachstum  geführt, das  durch die  vielen Sonnenstunden des  Sommers nur  bedingt ausgeglichen werden konnte.

Aber es  waren von den 1.625  gepflanzten  Rebstöcken  (zwei Drittel Solaris, ein Drittel Rivaner) alle, bis auf  fünf,  sehr gut  angewachsen,  was  Beweis  dafür  war , wie  gut die Rebstöcke  mit  den klimatischen Bedingungen auf Sylt  und  dem lehmigen Sandboden mit  einem hohem  Humusgehalt  am Standort  zurechtkamen.

Und mit  Christian Ress,  einem  erfahrenen Winzer, der  das traditionsreiche  und international  renommierte  Familienunternehmen „Weingut  Balthasar  Ress“  aus Hattenheim im Rheingau  nun  bereits  in der  5. Generation führt, kam  auch gleichzeitig eine  neue Vermarktungsidee auf die Insel:  Er bot  555 Reben zur  Pacht an, die sowohl  bei Privatpersonen  als  auch bei Sylter Gastronomen und Geschäftsleute  reißenden  Absatz fanden. Wer  bereit  war, einen Vertrag für eine  Drei-, Fünf- oder Zehn-Jahrespacht  abzuschließen und dafür zwischen 269 und 499  Euro pro Jahr zu zahlen,  erhielt  seinen persönlichen  Weinstock mit  graviertem Namensschild, eine Urkunde mit dem verbrieften Recht, den Weinberg  jederzeit zu betreten, um das Gedeihen der Rebe zu beobachten und das Anrecht auf  eine kostenlose Flasche  Landwein  pro  Jahr.

Und natürlich lassen  es  sich  viele  der Rebstock-Pächter,  die  sowohl aus dem  Inland als auch aus dem Ausland kommen,   nicht  nehmen, sich zu Beginn der diesjährigen  Weinlese  in Keitum  zu versammeln,  um  die sonnenverwöhnten Trauben  für ihren „SÖL´RING“  zu  ernten. Und das  sonnige  Wetter der  letzten Wochen vor Beginn  der Traubenernte  lässt  einen guten  Riesling  für den Jahrgang  2016 erwarten…

Auch ohne das Markenzeichen „SYLT“ ein begehrter  Tropfen

Die Namensgebung  des Weines mit  „SÖL´RING“  ist  übrigens  eine Hommage  an die Insel Sylt und  soll die enge Verbundenheit  zum hiesigen Weinanbaugebiet  demonstrieren: Sölring  ist  einer  der  zehn Hauptdialekte der nordfriesischen  Sprache und wird  traditionell  auf  der Nordseeinsel  gesprochen.

Seitdem  der Sylter  Wein auch auf der Nordseeinsel  gekeltert  wird, darf sich  dieser auch mit  der Herkunftsbezeichnung  „Schleswig-Holsteinischer Landwein“ „schmücken“. Allerdings  darf  der Herkunftsname „Sylt“  nicht auf dem Etikett erscheinen, weil  eine  solche Angabe   nur  bei  einem Wein  gestattet  ist, der in einem  der  13 gesetzlich bestimmten deutschen  Weinanbau-Gebieten  erzeugt  wird, und zu  denen  gehört  die Insel Sylt  nun einmal  nicht.

Aber Namen hin oder her – die  Nachfrage nach diesem  edlen „Töpfchen“  hat  in den letzten Jahren enorm  zugenommen.  Und  dabei ist es schon ein ziemlicher Glückfall, eine Flasche  „SÖL´RING“  zu erwerben. Nicht nur, dass  eine  Flasche  (0,7 Liter) mittlerweile  stolze 75 Euro kostet, die von vielen  Menschen wohl gerne bezahlt würden. Aber – von der  aus der diesjährigen Traubenlese  zu erwartenden  „Ausbeute“  von rund 1.100 Flaschen  gehen natürlich  zuerst  einmal vertragsgemäß  555 Flaschen an die jeweiligen Pächter.

Und für einen verbleibenden  Rest  besteht  dann natürlich noch die Möglichkeit, den Wein direkt über die Balthasar Ress Weingut  KG zu beziehen, wie gesagt – mit viel Glück…

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