Kaminhunde – Mitbringsel der Seefahrer in vergangener Zeit

25. Mai 2018 |

Kaminhunde – Mitbringsel der Seefahrer in vergangener Zeit

Oma war eine Frau, die klare und prägnante Ansagen liebte. Und das weißglänzende Hundepaar mit den krausen Mähnen und der goldfarbenen Leine um den Hals, das sich auf der Anrichte in ihrem Wohnzimmer befand, waren nach ihren Worten schlichtweg „Nuttenhunde“. Damals keine Ahnung, was sich hinter diesem Begriff verbarg, nahm ich den Ausdruck zunächst einfach auf und platzte vor meiner Klasse anlässlich eines Besuchs im Kulturhistorischen Museum beim Betrachten eines ähnlichen Exponates in der maritimen Abteilung mit diesem Wissen heraus. Die Gesichtszüge unserer Lehrerin entgleisten und die nette Museumsaufsicht konnte sich ob meiner „Weisheit“ ein Grinsen nicht verkneifen – blieb aber kommentarlos. Auf dem Schild am vor dem Hundepaar stand übrigens „Englische Kaminhunde“

Seefahrer in vielen Familien im Norden und fast überall Kaminhunde

Der Norden Deutschlands und Seefahrt, das gehörte schon seit vielen Generationen zusammen. Ob auf den legendären Walfängern, ob auf den Handelsschiffen unter Segeln oder unter Dampf oder als Küsten- oder Hochseefischer – viele Männer verdienten damit ihren Lebensunterhalt.

Neben Bremen, Hamburg oder Amsterdam waren insbesondere die englischen Häfen wichtige Anlaufpunkte auch für die kleingewerbliche ostfriesische, oldenburgische und damals noch unter dänischer Flagge betriebene schleswig-holsteinische Schifffahrt des 19. Jahrhunderts. Alle Schiffe segelten vorbei an England auf dem Weg in die Heimat oder von zu Hause aus zu ihren oft weit weg liegenden Zielen. Und natürlich war es üblich, dass die Seeleute ihren Familien aus der ganzen Welt Geschenke mitbrachten: Afrikanische Holzmasken, Schrumpfköpfe und Tierpräparate, Muscheln aus der Südsee, Chinesisches Porzellan, Textilien aus Indien und Waffen aus aller Welt. Und insbesondere brachten die Seeleute, vom Kapitän bis zum Matrosen, in großen Mengen englische Keramik mit nach Hause. Dabei reichte die Palette dieser Mitbringsel aus Steingut vom teuren vielteiligen Service über goldlüstrierte Kannen und Töpfe bis zu den oft als paarweise angebotenen figürlichen Keramiken, zu denen eben auch die Hundepaare in vielfältigen Variationen und verschiedenen Größen gehörten. Englisches Steingut war im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer Qualität entwickelt worden, die dem begehrten und bis dahin nur für wohlhabende Schichten erschwinglichen Porzellan in seinen Eigenschaften und vor allem in seiner Erscheinungsweise sehr nahekam. In den Manufakturen der Grafschaft Staffordshire, die diesen Keramiken die Bezeichnung Staffordshire-Figuren einbrachte, wurde die Herstellung der Figuren mit drei Gussformen für die Vorderseite, die Rückseite und die Standfläche bereits äußerst rationell betrieben. Die Bemalung, oftmals mit Goldbronze bepinselt, mit goldene Ohren, goldene Nasen und vielfach sogar mit Goldtupfen, beschränkte sich seit den vierziger Jahren zumeist nur noch auf die Schauseite, die Vorderseite.

In der überwiegend ländlich geprägten heimatlichen Umgebung der Seefahrer besaßen diese, das kostbare Porzellan imitierenden Objekte, ganz sicher eine Ausstrahlung, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Auf neu angeschafften Kommoden, Vertikos oder Eckschränken und den Kaminsimsen in den guten Stuben, soweit diese überhaupt vorhanden waren, bildeten insbesondere Fensterbänke die bevorzugten Stellflächen der Keramiken im Haushalt der Seefahrer, was wohl letztlich zunächst zum Begriff der Kaminhunde geführt hat.

 

Puffhunde – ein bisschen Dichtung und wohl auch etwas Wahrheit

Nun gibt es zur Geschichte der Kaminhunde natürlich auch Darstellungen, die ein weniger schmeichelhaftes Licht auf die Käufer werfen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts, so erzählt man, stand im puritanischen England unter Queen Victoria (Regierungszeit 1837-1901) die Prostitution unter sehr strenger Beobachtung und war zeitweise sogar offiziell verboten. Deshalb sollen die „Damen“ den Seeleuten bei ihrem Besuch im Etablissement diese Hunde verkauft haben, denn im Gegensatz zu ihrem „horizontalen Gewerbe“ war ihnen der Handel nicht verboten. Ob das historisch wirklich so gewesen ist und Beweis für das erhebliche Vorhandensein der Kaminhunde in norddeutschen Wohnzimmern in dieser Zeit war, ist fraglich. Allerdings passt es gut in das übliche Klischee für die Seeleute, dass sie einen Teil der hart erarbeitete Heuer einer Schiffsreise bei den sogenannten „leichten Mädchen“ ließen und denen ja ohnehin in jedem Hafen ein Mädchen nachgesagt wurde.

Aus anderen Berichten war zu erfahren, dass die Hunde zu dieser Zeit in  England  diskrete Zeichen an die Freier waren: Im Fenster aufgestellt signalisierten sie mit dem Blick nach draußen, dass die Dame „frei“ war. Sahen die Hunde nach innen und zeigten zur Straße ihre Rückseiten, dann war sie „belegt“.

Wie langlebig Geschichten mit den etwas anrüchigen Vorstellungen solcher „Vergnügungen“ sind, zeigt der Umstand, dass man auch in Norddeutschland und in Dänemark den Frauen der Seeleute hinter vorgehaltener Hand oft ein lasterhaftes Leben nachgesagt hat, die solche Kaminhunde im Fenster zu stehen hatten – natürlich mit dem Blick nach draußen. Aber das passt so einfach nicht, denn die Frauen gaben keine Signale an etwaige heimliche Liebhaber, um die Abwesenheit des Gatten zu nutzten. Auch in vergangenen Zeiten waren sie nicht dumm, denn jeder in der Umgebung wusste ja, ob der Mann zu Hause war oder nicht. So schauten die Hunde sehnsuchtsvoll nach draußen, so lange der Ehemann auf den Meeren unterwegs war  und blickten voller Freude in die Wohnung, wenn er nach einer langen Reise endlich wieder zu Hause war.

So oder so, in jeder Geschichte steckt immer ein Körnchen Wahrheit, und ob nun als Kaminhunde, als Nuttenhunde oder als Puffhunde – sie sind heute beliebte Sammlerstücke, ob mit oder ohne das Wissen um ihre wirkliche Herkunft. In Antikläden oder auf Auktionsplattformen werden gut erhaltene Exemplare für atemberaubende Summen gehandelt. Ich bin leider nicht mehr dabei, Omas „Nuttenhunde“ kamen bei einem Umzug auf geheimnisvolle Weise einfach weg.

 

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