Sprechende Steine – Grabsteine als Geschichtszeugnisse auf Föhr

2. Feb 2016 |

Sprechende Steine – Grabsteine als Geschichtszeugnisse auf Föhr

Wahrscheinlich wird sich nicht jeder Gast, der einmal auf der Insel Föhr war und dort eine (große) Busrundreise mitgemacht hat, an alle Dörfer auf dieser Tour erinnern.
Was aber den meisten in Erinnerung bleiben wird, ist der Halt in Süderende. Das nur etwa 230 Einwohner zählende Friesendorf ist eine der kleinsten Gemeinden auf Föhr, aber der hier eingelegte Halt der Rundfahrt ist verbunden mit einer Besichtigung der St. Laurentii-Kirche in Verbindung mit einer Friedhofsführung, deren Besonderheit sicher viele bis heute nicht vergessen haben.

Familiengeschichte(n) in Stein gemeißelt
Auf dem zur St. Laurentii Kirche aus dem 13. Jahrhundert gehörenden Friedhof erzählen„sprechende“ Grabsteine interessante Details aus den Lebensgeschichten von Menschen bzw. Familien der Insel Föhr. Diese, im Vergleich zu heutigen Grabsteinen, doch sehr ausführlichen Berichte auf den alten historischen Grabmaleneröffnen einen bewegenden Blick in die Lebens- und Zeitgeschichte der Föhrer Bevölkerung.

Das Familien- und besonders auch das Berufsleben – werden ebenso beschrieben, wie auch besondere Ereignisse im Leben oder Ehrenämter der Verstorbenen, die sie bekleidet haben und auch, mit wem sie verheiratet waren. Das erreichte Lebensalter wird oftmals auf den Tag genau angegeben und vielfach ist auch vermerkt, wie jemand zu Tode gekommen sind.In der Darstellung von Blüten einer Blume wurde auf die Zahl der Kinder, wie viele Mädchen und Jungen der Verstorbene hatte, aufmerksam gemacht. Abgeknickte Blüten standen für die Kinder, die noch vor ihm selbst gestorben waren.

Angesehene Kapitäne,erfolgreiche Walfänger und glückliche Paare
Die alten Familien von Föhr, Ihr Leben und ihre Leistungen geraten nicht in Vergessenheit. Auf den geschmückten Grabsteinen hinterließen ihre Nachfahren den meist wohlhabenden Kapitänen und Walfängern, aber auch Bauern oder Lehrer ein Zeugnis ihres Lebens.
Einer der bekanntesten Grabstelen ist die des „Glücklichen Matthias“, auf der, nach der Übersetzung aus der lateinischen Inschrift, u.a. folgendes über ihn vermerkt ist: „Matthias Petersen geb: in Oldsum den 24 Dec: 1632 – gest: den 16.Sept: 1706, Erwar in der Schifffahrt nach Grönland sehr kundig,wo er mit unglaublichem Erfolg 373 Walegefangen hat, sodass er von da an mit Zustimmung aller den Namen“Der Glückliche” annahm; und dessen Frau Inge Matthiessen geb: den 7 Oct: 1641 gest: den 5 April 1727. Ruhig im Tode ist der, welcherweiß, dass er aus dem Todewiedererstehen wird; Tod kann dasnicht genannt werden, sondern ein neues Leben“.

Auch die Grabstätte des Lehrers Oluf Brarensagt über dessen Leben folgendes aus: „Nur der Erdenleib wird Erde, Sein Bewohner bleibt.
Dem Andenken der beiden Eheleute des Schullehrers Oluf Braren und MeeteBraren. Ersterer ist den 25 Febr. 1787 in Oldsum geboren. 1808 den 25 Sept. ehlichte er die neben ihm ruhende Meete, geborne Wilhelms. Seit seinem 19ten Jahre Jugend Lehrer, ging er den 22 März 1839 in einem Alter von 52 Jahren 3 Wochen 4 Tagen zum bessern Leben ein.

Letztere ist 1783 den 15 Äug in Archsum auf Sylt geboren, nachdem sie in einem 20 jährigen Wittwenstand gelebt hatte entschlief sie 1859 den 13 April in einem Alter von 75 J 34 W 2 T.“ Die Rotsandsteinplatte zeigt in einem Kreisrelief eine Pflanze mit nur zwei Blüten, womit das das kinderlose Ehepaar symbolisiert wird. Die Tulpe ist geknickt: Oluf Braren ist verstorben. Die Sternblüte steht aufrecht: Meete lebt zur Zeit der Steingestaltung.

Beispielhaft sei hier noch auf die der Barockstele der Elen Flohrhingewiesen, die von ihren Kindern Martin und Marret gesetzt wurde und auf der folgender Text zu lesen ist: „Elen Flohr Geb in Oltsum D 10 Jan Ao 1650 Gest: D 14 Sept. Ao 1736 Sie hat gelebet mit ihrem Ehemann Johan Flohr Welcher geb: auf Amrum D 6 May Ao 1641 Gest: in Oltsum D 6 Aug Ao 1685 und in S: Laur: Kirche begraben 15 1/2 Jahr und in Witwenstande 51 1/10 Jahr aus dieser Ehe sind gebohren 8 Sohne und ein Tochter zu deren Anden Ecken setzen dieses Grabmahl 2 Nachleben de danckbahre Kinder Martin Flohr Marret Harcken

Neben der Friedhofsführung, die durch die jeweiligen Busfahrer sehr anschaulich und auch sehr kompetent vorgenommen wird, besteht in den Monaten von Juni bis September immer donnerstags, jeweils um 10:00 Uhr, an Führungen auf dem Friedhof teilzunehmen. Vom Eingang zur Kirche aus erfolgt im Rahmen eines Spaziergangs über den Friedhof eine Erläuterung zu den Symbolen und Inschriften auf den historischen Grabsteinen.

Sprechende Grabsteine – Frühe Bestattungskultur im Nordseeraum
Egal, ob als „Sprechende Steine“, „Sprechende Grabsteine“ oder „Redende Steine“ bezeichnet, sind diese nicht nur auf den drei Föhrer Friedhöfen St. Laurentii in Süderende, St. Johannes in Nieblum und St. Nikolai in Boldixum zu finden. Auch auf dem Friedhof von St. Clemens in Nebel auf Amrum werden 152 Grabsteine aus den Jahren 1678 bis 1858aufbewahrt, die überwiegend aus Sandstein bestehen.
Auch im Jeverland, in Friesland und in Ostfriesland sind diese Formen der Bestattungskultur zu finden.

Viele männliche Bewohner dieser Regionen heuerten zahlreich auf Walfangschiffen oder auf Kaufahrteischiffen an und kamen hier teilweise zu nicht unerheblichem Reichtum. Dieser wurde nicht nur an weltlichen Dingen wie beispielsweise der Kleidung oder der Gestaltung der Wohnhäuser zur Schau gestellt, sondern spiegelte sich auch in der Bestattungskultur wider.Über See hatten sie Beziehungen zu den Sandsteinbrüchen des Wesergebietes oder auch zu den belgischen Steinbrüchen (Namurer Blaustein) an der Maas und brachten auch Buntsandsteinfliesen mit, Materialien die zu Grab- oder Gedenksteinen und Stelen verarbeitet wurden. Diese besondere Grabsteinkultur hielt sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Die Grabsteine sind heute als Zeugnisse der Grabmalkultur des Nordseeraumes zu betrachten.

Ihr Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.