Ein Ort der Andacht – der Friedhof der Strandleichen in Westerland

27. Okt 2017 |

Ein Ort der Andacht  – der Friedhof der Strandleichen in Westerland

Wer seinen Urlaub schon einmal auf Sylt verbracht hat, der kennt die Insel, kennt den Trubel, den es z.B. um das jährliche traditionelle Biikebrennen oder um den Kitesurf Cup am Brandenburger Strand gibt, hat hier vielleicht auch einmal eine der Harley Davidson Summertime Partys erlebt oder war bei einem der diversen Events und Highlights dabei, die Sylt als Party-Mekka und Treffpunkt das ganze Jahr über so besonders und so bliebt machen. Und im Zentrum der Insel der Reichen und Schönen ist Westerland – Jubel, Trubel, Heiterkeit, Feiern, Genießen, Shoppen, Flanieren, sehen und gesehen werden.

 

Mitten in Westerland – ein Ort der Ruhe

Wer auf einer der Flaniermeilen, der Friedrichstraße, in Richtung Strand unterwegs ist und in der Höhe von McDonald’s nach links in die Elisabethstraße einbiegt, erreicht nach wenigen Minuten den „Friedhof der Heimatlosen“. Ein Ort, der sich früher am Rande von Westerland befand und heute mitten in einem Wohngebiet unweit  der  Fußgängerzone liegt. Die Anlage, umgeben von einem Steinwall, ist gepflegt und mit Rosen bepflanzt, die jetzt blühen. Hier stehen 53 einfache Holzkreuze, auf denen das Datum des Auffindens und der Fundort notiert ist – ein stilles Gedenken für die Seeleute, die nach Schiffsunglücken, nach Strandungen im Wasser der Nordsee ertrunken sind und als Namenlose an den Strand von Sylt gespült wurden. Sie sind namenlos geblieben und sie sind als Heimatlose hier zur letzten Ruhe gebettet worden. Eine Ausnahme bildet  der Matrose Harm Müsker aus dem ostfriesischen Holterfehn, der bei der Strandung der „Gerhardine“ am 3. Oktober 1890 ums Leben kam. Er trug ein Schlüsselbund mit seinem Namen bei sich, so dass er identifiziert werden konnte. Seine Eltern hatten den Wunsch,  ihren Sohn bei seinen toten Kameraden ruhen zu lassen und ließen für ihn einen Gedenkstein aufstellen.

Sylt Friedhof

Schiffsunglücke, ertrunkene Seeleute und raue Bestattungssitten

Für die Küsten- und Inselbewohner gehörten die Strandungen fremder Schiffe fast zum Alltag der früheren Jahre. Vielfach musste man dem

Scheitern eines Schiffes in den Untiefen vor der Küste bei Sturm vom Strand aus tatenlos zusehen, ohne eine Möglichkeit zu haben, den verzweifelten Seeleuten zu helfen. Ein Schiffsunglück bedeutet oftmals aber auch einen zusätzlichen Gewinn durch die legale (und oft auch illegale) Bergung  von Strandgut. Um die bei der Strandung zu Tode gekommenen  Schiffbrüchigen kümmerte man sich dabei wenig und es war bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts hinein nicht unüblich, die angeschwemmten, meist nicht mehr identifizierbaren Toten höchst provisorisch und ohne Kennzeichnung oft notdürftig in den Dünen zu verscharren oder einfach dem Meer zu überlassen. Dieser Umgang mit den Strandleichen war darauf zurückzuführen, dass man ja nicht wusste, ob es sich bei den angeschwemmten Toten um christlich Getaufte handelte oder nicht, denn nur diese  konnten nach christlicher Tradition auf einem kirchlichen Begräbnisplätzen beigesetzt werden. Die toten Seeleute galten daher als „unehrliche“ Tote, denen man kein „christliches“ Begräbnis zubilligte.

In den Sylter Chroniken finden sich von 1600 bis 1870 Einträge über immerhin 418 Tote, die an der Küste zwischen Ellenbogen bis Hörnum angespült wurden.

Ehrung für die namenlosen Toten

Der Westerländer Strandvogt Wulf Hansen Decker war es schließlich, der 1854 diesen würdevollen Friedhof in der Heide anlegen ließ, auf dem 1855 der erste Tote beigesetzt wurde – ein unbekannter Seemann, der am 3. Oktober 1855 am Strand von Westerland angespült wurde. Nun mag es durchaus kein Zufall sein, dass solche „Friedhöfe der Namenlosen“,  die nahezu in jedem Ort entlang der Nordseeküste sowie auf den ostfriesischen und nordfriesischen Inseln zu finden sind, gerade zu einer Zeit angelegt wurden, als sich hier das Seebäderwesen seinen Anfang nahm. Gut nachvollziehbar, dass  man gegenüber den Badegästen, die mit dem Fremdenverkehr einen zusätzlichen Erwerbszeig brachten, nicht  als unzivilisiert oder gar „barbarisch“ zu gelten mochte. Auch hygienische Bedenken mögen bei der ordentlichen Bestattung letztlich eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben.

Nicht verwunderlich ist daher, dass die Gründung des „Friedhofs der Heimatlosen“ in Westerland fast zeitgleich mit der Verleihung des Prädikats „Seebad“ im Jahr 1855 zusammen fiel.

Von 1855, als der erste Sarg dort in die Erde gelassen wurde, bis zur letzten Beisetzung, die am 2. November 1905 stattfand fanden hier 53 Strandleichen ihre letzte Ruhestätte, davon 52 Männer und eine Frau. 23 unbekannte Tote, die in Westerland angespült wurden sowie 15 von Rantumer und 15 Tote von Hörnumer Strandabschnitten.

Bis heute ist auf dem Friedhof ein Gedenkstein erhalten, den die rumänische Königin Elisabeth I. im Jahr  1888 gestiftet hatte, die als Dichterin unter ihrem Künstlernamen Carmen Sylva der damaligen Öffentlichkeit bekannt war. Sie stiftete diesen Stein nach einem Urlaub auf Sylt, da ihr das Schicksal der Namenlosen sehr nahe ging

Sie setzte mit diesem Gedenkstein den Toten, die dort ruhen ein bleibendes Gedenken.

Auf diesem Stein ist die letzte Strophe  des Gedichtes „Heimath für Heimathlose” des preußischen Oberhofpredigers und Generalsuperintendenten Rudolf Kögel aus Berlin eingemeißelt:

sylt

„Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit

Gespült zum Erdeneiland

Voll Unfall und voll Herzeleid,

Bis heim uns holt der Heiland

Das Vaterhaus ist immer nah

Wie wechseln auch die Lose

Es ist das Kreuz von Golgatha

Heimat für Heimatlose“

 

Die letzte Zeile war – wie auch heute noch immer  – der Text auf der Pforte zum Eingang des Friedhofes.

türe

1907 wurde der Friedhof geschlossen und ist heute eine Gedenkstätte.  Strandleichen wurden ab 1905 auf dem Neuen Friedhof in Westerland beigesetzt, Tote, die an den Stränden im nördlichen Sylt angespült wurden, fanden auf den Friedhöfen in List und Keitum ihre letzte Ruhestätte.

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