Der Pharisäer winterliches Heißgetränk an der Nordseeküste

12. Nov 2015 |

Der Pharisäer winterliches Heißgetränk an der Nordseeküste

Das nordfriesische Nationalgetränk mit Geschichte und viel Rum

Es wird kühler, die Blätter fallen von den Bäumen und Sträuchern und der Wind treibt sie über die Straßen und Wege. Die Terrassen sind abgeräumt und die Gärten werden gerade winterfest gemacht. Durch die Umstellung von Sommer- auf die Winterzeit ist es jetzt schon viel früher dunkel. Wie das Land, so das Wetter: Nordfriesisch herb verabschieden sich die Herbsttage dieses Jahres.

Und da nun wieder etwas mehr Ruhe, Besinnlichkeit und vor allem Gemütlichkeit einkehren und mehr Zeit für die Familie, für Freunde und gemeinsame Unternehmungen in den Vereinen bleiben, gewinnt gerade in den frohen Runden der Zusammenkünfte das Nationalgetränk der Nordfriesen an Bedeutung – der Pharisäer, den ganz sicher auch die vom Deich zurückgekehrten und durchgefrorenen Spaziergänger schätzen.

Als „Pharisäer“ bezeichnet die Bibelwissenschaft hochmütige, heuchlerische Personen.
Na und, was hat das mit dem Getränk zu tun? In jedem guten Gasthaus, in jeder Schankstube Nordfrieslands wird man hierzu folgende Geschichte so oder so ähnlich erfahren.

Auf der Halbinsel Nordstrand vor Husum gab es im 19. Jahrhundert den strengen und vor allem abstinenten Pastor Georg Bleyer, der in seinen Predigten immer wieder gegen den allzu großen Rumkonsum seiner Gemeinde – brave Bauern und Fischer – wetterte.

Bei einer Kindstaufe saß eben dieser Pastor an der Tafel und die Nordfriesen trauten sich nicht, mit einem Schnaps auf das Taufkind anzustoßen. Bauer Johannsen als Gastgeber konnte sich allerdings eine Taufe ohne ein anständiges „Prost“ nicht vorstellen und griff zu einer List: Er ließ den Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Rum zubereiten und mit einer dicken Sahnehaube auf der Tasse bedecken, so dass der Pastor, der als einziger normalen Kaffee serviert bekam, den Rum nicht riechen konnte. Allerdings wunderte er sich darüber, dass die Runde um ihn herum schnell in eine fröhliche, ausgelassene Stimmung kam, während er als einziger stocknüchtern blieb. Heimlich nippte er an der Tasse seines Tischnachbarn, entdeckte den Verrat und rief entsetzt: „Oh, ihr Pharisäer“. So kam bei der Taufe nicht nur das Kind, sondern auch das Getränk seien Namen.

Ein „echter“ Pharisäer schmeckt nur mit handgebrühtem Kaffee, frischgeschlagener, ungesüßter Sahne und einem guten Rum, wobei im privaten Bereich der Rum-Anteil Geschmackssache ist, für die Gastronomiehat das Amtsgericht Flensburg bereits 1981 geurteilt, dass 2 cl Rum für einen Pharisäer nicht ausreichend sind. Ausreichend scheint jedoch die Zugabe von einem Stück Würfelzucker (wieder eine Geschmackssache) pro Tasse, das mit dem in der Flasche heiß gemachten Rum übergossen wird. Der Pharisäer wird nicht umgerührt, sondern durch die Sahne getrunken, so dass nach der hergebrachten Tradition der Alkoholgeruch nicht aus der Tasse nach oben steigen kann.

Und – einen Pharisäer trinkt man niemals mit einem Strohhalm!
Dereinzige Stilbruch, der vertretbar ist, sind die Schokoladen-Raspeln auf der Sahne, die zwar hübsch aussehen, jedoch traditionell nicht zu einem Pharisäer gehören.

Und wenn auf der Karte einer Schankstube angeboten wird, dass man den 6. Pharisäer umsonst bekommt, wenn man die 5 Tassen davor geschafft hat – man sollte absolut Vorsicht walten lassen und den Anteil des Alkohols nicht unterschätzen!

Und wenn auf der Karte einer Schankstube angeboten wird, dass man den 6. Pharisäer umsonst bekommt, wenn man die 5 Tassen davor geschafft hat – man sollte absolut Vorsicht walten lassen und den Anteil des Alkohols nicht unterschätzen! Und für den geistigen Gehalt dieses nordfriesischen Nationalgetränks kann ein „El Dorado Dark Rum“ 37,5% Vol. der Destillerie Demerara (Rum & Co) empfohlen werden.

2 Kommentare

  1. Rüdiger Koch

    Der Artikel ist sehr hübsch geschrieben, humorvoll und voller Fabulierlust. Der Autor hat großes Talent: Wie wäre es, seine Geschichten mal als Büchlein erscheinen zu lassen?
    Nur eine kleine unbedeutende Anmerkung. Muss es nicht heißen:“…so dass der Pastor, der als einziger normalen Kaffee serviert bekam, den Rum NICHT riechen konnte“? Aber das tut dem Beitrag keinen Abbruch. Schließlich will ich weder ein Beckmesser noch ein Pharisäer sein!

    • adminnordsee

      Danke Herr Koch, dass war wirklich ein Lapsus linguae – natürlich muss es NICHT heißen!

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