„Se geiht oer steiht“ – die Bremer Eiswette

26. Feb 2017 |

„Se geiht oer steiht“ – die Bremer Eiswette

Wer schon einmal eine Überfahrt  mit der Fähre vom Hafen Strucklahnungshörn auf der nordfriesischen Insel Nordstrand zur Nachbarinsel Pellworm unternommen hat oder wer von dort zur  Ausflugsfahrt in die Insel- und Halligwelt der Westküste in See gestochen ist, der wird sicher auch einen Blick auf die dort liegenden Krabbenkutter, Ausflugsschiffe und Versorgungsfahrzeuge geworfen haben. Und gewiss wird man dabei oft auch den Seenot-Rettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, kurz DGzRS, entdeckt haben. Der Schiffsname dieses modernen Rettungskreuzers, der hier am 11. März 2009 offizielle  in Dienst gestellt wurde, ist „Eiswette“,  was bei manchem vielleicht doch Fragen aufwirft, wenn man weiß, dass die Namen der Seenotkreuzer und -boote in der Regel so gewählt werden, dass ein Bezug im Schiffsnamen enthalten ist – oftmals ein Bezug zur Erinnerungen an ehemalige Seenotretter, die während ihres Einsatzes ums Leben gekommen sind, ein  Bezug zu großzügigen Spendern, zu Politikern  oder aber auch zu geografische Namen. Aber „Eiswette“?

 

Die „Eiswette“ gehört zu Bremen wie der Roland und die Stadtmusikanten

Bremen als die Hauptstadt des Landes Freie Hansestadt Bremen hat  eine reiche und vor allem lange Geschichte, die als Bischofsstadt und Kaufmannssiedlung bis ins 8. Jahrhundert zurück reicht. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sich hier über viele Jahre eigene Traditionen herausgebildet haben, die für Bremen typisch sind, so z.B. der bereits seit 1025 stattfindende Bremer Freimarkt, der heute einer der ältesten Volksfeste Deutschlands ist  oder die Bremer Kohlfahrt oder die berühmte Schaffermahlzeit und natürlich das Domtreppenfegen. In Bremen wurde bereits 1404 als Zeichen der weltlichen Freiheit der Stadt der Roland errichtet und inzwischen ist wohl auch durch den stetig wachsenden Tourismus das Denkmal für die „Bremer Stadtmusikanten“ nach dem Märchen der Gebrüder Grimm weltbekannt.

Und so gehört  auch die Eiswette zu den Bremer Traditionen und das bereits seit 1829. In jedem Jahr am Heiligedreikönigstag, also am 6. Januar,  wird am Ufer der Weser, am Punkendeich (Osterdeich) im Stadtgebiet pünktlich um 12 Uhr die Wettfrage beantwortet, ob die Weser  schiffbar oder zugefroren ist, ob „se geiht oer steiht“. Im Rahmen eines inzwischen publikumswirksamen Spektakels, das von den vielen Zuschauern vom Deich aus beobachtet wird, treffen sich dazu die ehrwürdigen Herren vom Präsidium der „Eiswette von 1829“, schwarz gekleidet mit Zylinder sowie die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland, ein „Notarius Publicus „und der „Medicus“  zum volkstümlichen Zeremoniell der Eisprobe.

 

Heute ein Spektakel – früher ein Wette mit ernsthaftem Hintergrund

Die Eiswettprobe, bei der es darum geht, ob ein „99-pfündiger Eiswettschneider mit seinem heißem Bügeleisen“ die Weser überqueren kann, ohne dabei nasse Füße zu bekommen, folgt einem noch heute strengen Ritual, bei dem die Teilnehmer in ihren historischen Kostümen vor Publikum ihren großen Auftritt haben. Das stilecht herausgeputzte Schneiderlein unterhält das Publikum am Deich lautstark parlierend und  mit vorlauten und aufmüpfigen Reden über allerlei  bremischen Vorjahres-Possen aus Politik, Kultur und dem sonstigen Zusammenleben der Bürger. Anschließend fordern die Heiligen Drei Königen und der Notarius Publicus zum Beginn des  Zeremoniells der Eisprobe auf. Der Medicus schickt den Schneider auf die Dezimalwaage, wobei er feststellen muss, dass die geforderten neunundneunzig Pfund (wie jedes Jahr) nicht passen. Der Schneider hat dazu jedoch so stichhaltige Argumente, dass selbst der Notarius Publicus dem Präsidenten empfiehlt, diese Abweichung der Regularien als erfüllt anzusehen. Ein weiterer Punkt der Vorbereitung auf die Eiswettprobe ist die Bestätigung des heißen Bügeleisens durch den Medicus, der dies durch einen verbrannten Finger bestätigt (das Bügeleisen ist mit etwas Trockeneis präpariert, dass es so aussieht, als ob es heiß dampft). Danach kann sich der Schneider zur Weser begeben.

Am 8. November 1828 wetteten einige Bremer Kaufleute auf das Zufrieren der Weser zu Anfang des kommenden Jahres. Dabei entstand der Brauch, dass ein 99 Pfund schwerer Schneider mit einem glühenden Bügeleisen zur Prüfung, ob die Weser „geiht oder steiht“, also zugefroren ist oder nicht, diese trockenen Fußes überqueren muss, erst später.

Trotzdem lässt diese Wette nicht eine Ernsthaftigkeit vermissen und hat einen tieferen Sinn: Wenn nämlich die Weser zur damaligen Zeit im Winter von Eis bedeckt war, konnten keine Schiffe fahren und Bremen war vom Handelsverkehr abgeschnitten – für eine Hanse- und Handelsstadt eine Katastrophe mit oftmals gravierenden wirtschaftlichen Konsequenzen.

Und der Schneider?  Der greift heute nach der großen Flasche Eiswettkorn und  wird über die fließende, offene  Weser durch das Tochterboot eines Seenotrettungskreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, der in der Mitte der Weser liegt,  auf die Neustadtseite von Bremen gebracht.

Jetzt wird durch das Präsidium vom Ufer der Weser aus die Steinwurfprobe durchgeführt. Die geworfenen Steine versinken jedoch bereits seit vielen Jahren im Wasser, so dass der Eiswett-Präsident  als Ergebnis der Eisprobe verkünden kann: „De Werser geiht!“.

Die Weser war tatsächlich letztmalig im Winter 1946/1947 zugefroren und im Ergebnis vieler in den vergangenen Jahren vorgenommener Begradigungen  und der damit verbundenen Erhöhung der Fließgeschwindigkeit und durch das seither weiter weseraufwärts gelangende Brackwasser besteht heute kaum noch die Chance, bei der jährlichen Eiswette eine komplett zugefrorene Weser zu erleben. Um die Tradition der Eiswette trotzdem weiter fortleben zu lassen, hat sich die Eiswettgemeinschaft inzwischen in zwei Gruppen geteilt, für die das Los entscheidet, welche für „steiht“ und welche für „geiht“ zu wetten hat. Die jeweilige Verlierergruppe muss dann zum Stiftungsessen, dem alte Bremer Nationalgericht Kohl und Pinkel,  einladen, das wie einst zusammen mit Gästen am dritten Sonnabend im Januar eingenommen wird. Zu diesem Festessen kommen rund 700 Eiswettgenossen und geladene Gäste zusammen. Meist hält ein prominenter Politiker dann die Hauptrede.

War es früher üblich, dass die Verlierer der Eiswette das Mahl selbst bezahlen mussten, zahlen heute die Männer des Vereins „Eiswette  von 1829“ ihr Essen und meist auch noch das ihrer geladenen Gäste.

Für die Bremer, die ihre Traditionen lieben und leben, ist es eine Ehre, wenn man zu diesem Fest eingeladen wird. Dabei wird für die Arbeit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gesammelt, die seit vielen Jahren an jedem 6. Januar mit einem Seenotkreuzer dabei ist, um den pfiffigen Schneider mit seinem Bügeleisen trockenen Fußes per Tochterboot von einem Ufer zum anderen zu bringen. Deshalb kommen dieser nur durch Spenden finanzierten Gesellschaft  ebenfalls seit vielen Jahren die großzügigen Spenden des Eiswett-Stiftungsfestes zugute –  im Jahr 2014 immerhin eine Betrag von knapp 430.000 Euro und nach Medienberichten wurden anlässlich des Stiftungsessens 2015 Spenden von insgesamt 418.000 Euro für die DGzRS eingeworben.

Dieser Umstand erklärt auch die langjährige Verbundenheit der Bremer Eiswette mit der DGzRS und selbstverständlich war es gar keine Frage, dass nach der Außerdienststellung des ersten Seenotkreuzer mit dem Namen „Eiswette“  Ende 2008 der heute im Hafen von Strucklahnungshörn stationierte neue Seenotrettungskreuzer der 20-Meter-Klasse  ebenfalls wieder auf den Namen „Eiswette“ getauft wurde und das natürlich während der Veranstaltung der  Eiswette am 6. Januar 2009 in Bremen. Die Namensgebung des Tochterbootes  „Novize“  wurde ebenfalls in Anlehnung an die Tradition des Eiswettbrauches  gewählt – Novizen sind die jeweilig neuen Mitglieder der Eiswettgemeinschaft.

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